BMWi Initiative "Mittelstand Digital", eCG und Stammdaten-Management

Autoren: Lasse van de Sand, Dominik Ludmann

Unbenannt

Im Kontext der flächendeckenden Implementierung von eCommerce Lösungen im Gesundheitswesen werden die unterschiedlichen Akteure zunehmend mit der Forderung nach einem höheren Digitalisierungsgrad von Informationen sowie einer elektronischen und automatisierten Verarbeitung selbiger konfrontiert. Diese Forderung erstreckt sich nicht nur auf versorgungsorientierte Einrichtungen wie Kliniken, Hausärzte oder Rehabilitationseinrichtungen sondern trifft auch eine Vielzahl der nur indirekt an der Patientenbehandlung beteiligten Unternehmen (z.B. Medizinproduktehersteller und lieferanten, Einkaufsgemeinschaften, Provider etc.). Als treibende Faktoren lassen sich sowohl der generelle Wunsch nach einer Erhöhung der Patientensicherheit als auch nach einer Sicherung und Optimierung der Erlössituation identifizieren. IKT gestützte Prozessverbesserungen sind in diesem Kontext bereits heute weithin als Mittel zur Realisierung von Einsparpotentialen akzeptiert. Obwohl in den letzten Jahren große Anstrengungen unternommen wurden, welche sich auch in einer deutlichen Erhöhung der Investitionsbereitschaft im IKT-Bereich ausdrücken, bleiben die Fortschritte bisher hinter den Erwartungen zurück1. Im folgenden Beitrag soll aufgezeigt werden, dass nicht nur eine unzureichende Vernetzung der Akteure oder die oftmals nicht vorhandene Interoperabilität der genutzten Techniken und Standards der Verbreitung von eCommerce- Lösungen im Gesundheitswesen entgegenstehen. Vielmehr zeigt sich, dass schon die für alle weiteren elektronischen Aktivitäten maßgeblichen Basisdaten regelmäßig nicht in einer Qualität zur Verfügung stehen, welche die Implementierung durchgängiger und automatisierter Prozesse überhaupt ermöglichen würde. 

Seit dem 01.08.2012 wird das Projekt „Standards zur Unterstützung von eCommerce im Gesundheitswesen“ (eCG) im Rahmen der Förderinitiative „Mittelstand Digital“ durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWE) mit insgesamt 1,5 Mio. € gefördert. Als Projektträger des auf drei Jahre angelegten Förderprojektes fungiert das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Eine der wesentlichen Zielsetzungen dieses Projektes liegt in der Unterstützung von Unternehmen der Health Care Branche bei der Einführung und Nutzung elektronischer und automatisierter Beschaffungsprozesse. In diesem Zusammenhang steht insbesondere die Erhöhung der Interoperabilität verschiedener am Markt präsenter eStandards im Fokus der Projektarbeiten. Ausgehend von einer Erfassung der rechtlichen und organisationalen Rahmenbedingungen wurden innerhalb des Projektes eCG strukturierte Interviews mit einer Vielzahl relevanter und repräsentativer Marktteilnehmer aus Sicht des Behandlungspfades sowie der Supply Chain geführt. Im Rahmen dieser Interviewphase ist es u.a. gelungen nahezu identische Problemfelder für sämtliche befragten Institutionen zu identifizieren. So hat sich eine mangelhafte Qualität im Bereich der Stammdaten als ein praxisrelevantes Hauptproblem im Kontext der Implementierung durchgängiger elektronischer Beschaffungsworkflows herausgestellt. 

Auch im Falle des Einsatzes geeigneter eStandards hängt der letztendliche Erfolg einer Implementierung von durchgängigen elektronischen Beschaffungsprozessen entscheidend von der Qualität der verfügbaren Stammdaten ab. Nicht mehr aktuelle, unvollständige oder sachlich falsche Stammdaten führen zwangsläufig zu ineffizienten und fehlerhaften Workflows und behindern somit die Verbreitung durchgängiger elektronischer Lösungen. Assoziierte Wirtschaftlichkeitspotentiale, welche durch den Einsatz derartiger Lösungen realisierbar erscheinen, verbleiben somit häufig ungenutzt2. Neben der Notwendigkeit Akteurs übergreifende eStandards im Rahmen elektronischer Beschaffungsprozesse zu vereinbaren und zu nutzen, besteht daher ein Bedarf an inhaltlich validen Stammdaten. In diesem Zusammenhang ist anzumerken, dass in der aktuellen Marktsituation keine einheitliche Regelung bzgl. der Verantwortung für die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Stammdaten besteht. Zwar lassen sich die Hersteller von medizinischen Produkten grundsätzlich als Quelle der jeweiligen produktbezogenen Stammdaten identifizieren. Bei Betrachtung des Gesamtprozesses wird jedoch deutlich, dass unterschiedlichste Akteure in die Pflege, Bereitstellung und Verteilung von Stammdaten eingebunden sind. Als Folge existieren gegenwärtig alternative Stammdatenquellen, aus welchen sich der letztendliche Nutzer bedienen kann. Unklare Zuständigkeiten, informelle Regelungen und historisch gewachsene Strukturen begünstigen dabei die unzureichende Aktualität sowie die Inkonsistenzen im Stammdatenbereich. 

Auf Basis der innerhalb des eCG Projektes gewonnenen Erkenntnisse lässt sich ableiten, dass die Optimierung der Stammdatenqualität eine der wesentlichen Voraussetzungen für die zielführende Implementierung durchgängiger elektronischer Beschaffungsprozesse darstellt. So kann eine Akteurs übergreifende Zusammenarbeit auf Systemebene nur auf Basis sachlich korrekter und aktueller Stammdaten in effizienter Form erfolgen. Bereits im Jahr 2011 hat Herr Prof. Dr. Knut Hildebrand dazu folgendes festgestellt: „So gesehen sind Stammdaten der wichtigste Teil, das Herz eines Informationssystems, sie sind die Datenquellen, deren Attribute an anderen Stellen benutzt werden, z.B. um Funktionen zu parametrisieren oder um Prozesse zu steuern. Daher ist ihre Datenqualität sehr wichtig!“3. Es stellt sich die Frage, wie es gelingen kann in einer Umgebung, welche sich u.a. durch die nicht einheitlich geregelte Verantwortung für Pflege und Bereitstellung von Stammdaten kennzeichnet, einen nachhaltigen Lösungsansatz zur Erhöhung der Datenqualität zu kreieren. Grundsätzlich erscheint dabei auf Seiten der Medizinproduktehersteller eine Rückbesinnung auf ihre Verantwortung für die Bereitstellung qualitativ hochwertiger Stammdaten als unumgänglich. Ein  weiterer Ansatz liegt in der Schaffung einer der marktbezogenen Nutzung vorgelagerten Instanz, welche in der Lage ist, die Qualität der jeweiligen Stammdaten zu prüfen und zu bestätigen. Auf Grundlage einer solchen unabhängigen und neutralen Institution wird es möglich, die Hersteller von Medizinprodukten effizient zu unterstützen und sämtlichen betroffenen Akteuren qualitativ hochwertige Stammdaten zur Verfügung zu stellen. In diesem Zusammenhang ist es entscheidend sowohl wissenschaftliche Expertise in die Analyse und Prüfung von Stammdaten einzubeziehen als auch einen kontinuierlichen Ansatz zu implementieren. So lassen sich Stammdaten grundsätzlich innerhalb bestimmter Zeiträume als konstant betrachten. Bei Analyse des gesamten Lebenszyklus von Produkten und Unternehmen wird jedoch deutlich, dass auch Stammdaten zumindest periodischen Änderungen unterworfen sind4. Neben dem zu erwartenden Nutzen für automatisierte elektronische Beschaffungsworkflows ergeben sich in Folge einer möglichen Prüfung und ggf. Zertifizierung von Stammdaten weitere relevante Vorteile. Exemplarisch sei in diesem Kontext auf die Möglichkeit übergreifender Analysen auf Basis valider Stammdaten verwiesen. Mit dem Ziel die genannten Problemstellungen zu adressieren und die ungenutzten Potentiale zu erschließen, wurde zu Beginn des Jahres 2014 das Institut für Datenmanagement und Datenvalidierung im Gesundheitswesen (IDDG) in Form eines gemeinnützigen Vereins gegründet. Ausgehend von marktrelevanten Prüfkriterien bietet das IDDG zukünftig Herstellern und Lieferanten von Medizinprodukten die Möglichkeit, ihre Stammdaten vor dem Inverkehrbringen von neutraler Seite prüfen zu lassen. Als Nachweis einer ausreichend hohen Qualität der geprüften Daten vergibt das IDDG entsprechende Qualitätszertifikate an die jeweiligen Hersteller und Lieferanten. Das IDDG bietet somit sowohl Herstellern und Lieferanten von Medizinprodukten als auch sämtlichen weiteren Anspruchsgruppen die Möglichkeit, ausschließlich und nachweisbar valide Stammdaten in elektronische Beschaffungsworkflows einzuspeisen. Zusätzlich werden zukünftig auch die relevanten UDI (Unique Device Identifier) Parameter vom IDDG geprüft und zertifiziert. Auch können die vom IDDG ermittelten Prüfkriterien markt- und länderübergreifend zur Anwendung kommen. 

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1 (Rathmer, 2013) 

2 (Rathmer, 2013)

3 (Hildebrand, 2011) 

4 (Gabler Wirtschaftslexikon, 2014) 

 

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